Über das Kolleg

In zahlreichen traditionellen Studiengängen – etwa in der Germanistik und Italianistik in Frankreich bzw. in der Romanistik in Deutschland – ist das Lehrangebot im Bereich der Mittelalter- und Renaissanceforschung deutlich zurückgegangen, so dass es nicht mehr selbstverständlich ist, dass Texte der relevanten Sprachstufen aus den jeweiligen Nachbarländern im Original rezipiert werden (können). Diese Situation führt zu substantiellen Problemen beim Verständnis der Quelltexte: Wie kann zum mittelalterlichen Roman und zur mittelalterlichen Dichtung gearbeitet werden, wenn man die unterschiedlichen Fassungen eines Texts nicht in der jeweiligen Originalfassung lesen kann? Wie kann man zu einer literarischen Gattung forschen, ohne deren Ausprägungen in den benachbarten Sprachen und Kulturen einzubeziehen? Wie kann man sich mit der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches befassen, wenn man nicht in der Lage ist, mittelalterliche lateinische, deutsche oder italienische Chroniken zu rezipieren? Wie kann man sich mit dem lateinischen Humanismus beschäftigen, wenn man die europäische Dimension des Phänomens nicht angemessen berücksichtigen kann?

Die in diesen Fragen implizierten Kompetenzen sind zunächst die offensichtlich notwendigen Voraussetzungen, um sich sinnvoll mit der Analyse von Formen des Erzählens, Weltverstehens und -darstellens in Mittelalter und Renaissance beschäftigen und die epistemologische Dimension der verschiedenen nationalen Forschungsansätze angemessen erfassen zu können, denn die gleichen Gegenstände werden im Rahmen unterschiedlicher nationaler Forschungsansätze und mithin mit anderen Schwerpunktsetzungen verhandelt. Es ist insoweit für ein umfassend(er)es Verständnis von Forschungsgegenstand und -methoden von größtem Vorteil, diese Ansätze in ihrem unmittelbaren Forschungskontext kennenzulernen.

Das Ziel des internationalen Doktorandenkollegs besteht also darin, DoktorandInnen in den Bereichen der mittelalterlichen und renaissancezeitlichen Sprach(stuf)e, Literatur, Kunst, Kultur und Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der vergleichenden Perspektive in optimaler Weise auszubilden. Insoweit ist das Kolleg nicht auf eine spezifische Forschungsthematik festgelegt, sondern gibt einen thematischen Rahmen vor, innerhalb dessen sich die jeweiligen Forschungsschwerpunkte der DoktorandInnen situieren, wobei die Vielfalt möglicher konkreter Forschungsthemen als durchaus befruchtend gelten kann.

Die erläuterte Infrastruktur, die selbstverständlich Promotionen im Rahmen von Cotutelle-Verfahren vorsieht, erlaubt den Erwerb „sprachpraktischer“ ebenso wie wissenschaftlicher Fähigkeiten und Kenntnisse, die für eine spätere Forschungstätigkeit unabdingbar sind, etwa in den folgenden Bereichen: historische Sprachwissenschaft und ältere Sprachstufen (Alt- und Mittelfranzösisch, Altokzitanisch, Alt- und Mittelhochdeutsch; Sprachen des mittelalterlichen Italiens und italienische Sprachgeschichte; Mittel- und Neulatein); vergleichende Literaturwissenschaft (Adaptionen und Übersetzungen von Texten des Mittelalters und der Renaissance; Zirkulation von Texten und Wissensbeständen; vergleichende Gattungsanalyse; hermeneutische Rezeptionsfragen und Wechselwirkungen zwischen den Literaturen und Kulturen der Romania und Deutschlands); europäische Geschichte des Mittelalters und der Renaissance; Kunstgeschichte; Paläographie und Diplomatik; Buchgeschichte von der Antike zur Renaissance.

In Clermont-Ferrand besteht so z. B. die Möglichkeit des Besuchs von Veranstaltungen zum Altfranzösischen, in Erlangen die der Teilnahme an Lehrveranstaltungen zum Alt- und Mittelhochdeutschen, in Pisa wiederum können Lehrveranstaltungen zur internen und externen Sprachgeschichte Italiens besucht werden. Darüber hinaus ist an jeder Partneruniversität im ersten Jahr der Besuch eines Moduls vorgesehen, in dessen Rahmen die Geschichte der Philologie in Deutschland, Frankreich und Italien seit dem 18. Jh. behandelt wird, wobei sowohl die verschiedenen Wissenschaftstraditionen verglichen als auch die Wechselbeziehungen behandelt werden.

Die Funktion des Doktorandenkollegs besteht mithin darin, die oben genannten strukturellen Lücken zu füllen, die spezifischen Bedürfnisse der DoktorandInnen zu identifizieren und ihnen eine Profilierung zu ermöglichen, die ihnen mit Blick auf eine universitäre Tätigkeit ein klares Alleinstellungsmerkmal verschafft. Die Verknüpfung von Disziplinen und Kompetenzen, wie sie im Doktorandenkolleg vorgesehen ist, soll es erlauben, in diesem Forschungsgebiet eine neue Dynamik anzustoßen, neue Zielrichtungen und eine „Talentschmiede“ des zwei- oder gar dreisprachigen wissenschaftlichen Nachwuchses zu generieren.

Auslandsaufenthalte

Die im Doktorandenkolleg Eingeschriebenen verbringen – mit einer Förderung der Deutsch-Französischen Hochschule – mindestens ein Jahr an einer der Partneruniversitäten und besuchen dort die im Programm vorgesehenen Seminare und Module. Empfohlen wird überdies ein mindestens sechsmonatiger Aufenthalt an der anderen Partneruniversität.

Veranstaltungen im Rahmen des Doktorandenkollegs

Das Doktorandenkolleg umfasst Forschungsseminare, Workshops (interdisziplinären Zuschnitts) und Kolloquien, an denen die Lehrenden der Partneruniversitäten beteiligt sind. Für die DoktorandInnen besteht so die Möglichkeit, sich mit den im jeweiligen nationalen methodologischen Kontext gängigen und aktuellen Forschungsansätzen vertraut zu machen und ihr Forschungsprojekt im Dialog weiterzuentwickeln.

Beteiligte Fächer

  • Romanistik (Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft)
  • Germanistische Mediävistik
  • Kunstgeschichte
  • Mittel- und Neulateinische Philologie

Koordinatoren

Clermont-Ferrand: Prof. Patrick del Duca / Prof. Donatella Bisconti
Erlangen: Prof. Dr. Ludwig Fesenmeier / Prof. Dr. Christian Rivoletti / Prof. Dr. Florian Kragl
Pisa: Prof. Alberto Casadei / Prof. Cristina Cabani

Kontakt

Prof. Dr. Ludwig Fesenmeier
FAU Erlangen-Nürnberg
Institut für Romanistik
Bismarckstr. 1
D-91054 Erlangen
ludwig.fesenmeier@fau.de

Gefördert von:

Beteiligte Hochschulen: